Buchrezension: Morbus Menière

Morbus Menière
Schwindel – Hörverlust – Tinnitus:
eine psychosomatisch orientierte Darstellung
Helmut Schaaf, 9. Auflage, Springer-Verlag, 2022

Die Menière’sche Erkrankung stellt sowohl Betroffene als auch Fachpersonen vor grosse Herausforderungen. Betroffene werden durch die Erkrankung in Ihrem Grundvertrauen erschüttert und müssen ihren Alltag mit den unberechenbaren Anfällen und Begleitsymptomen bewältigen. Unklare Diagnosen und Aussagen von Fachpersonen verstärken diese Verunsicherung zusätzlich. Fachpersonen sind herausgefordert, die Diagnose sicher und zuverlässig zu stellen und Betroffene individuell auf seine Problematik hin zu betreuen.

Mit «Morbus Menière» hat Helmut Schaaf ein Standardwerk geschaffen, das sowohl für Fachpersonen als auch Betroffene eine unerlässliche Grundlage darstellt. Dass das Werk bereits in der 9. Auflage erscheint, unterstreicht dessen Bedeutung und Platz in jeder Schwindelpraxis. Helmut Schaaf gelingt es immer wieder, die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu integrieren aber auch kritisch einzuordnen. Mit seiner Sprache und Beispielen schafft er es, neue und komplexe Inhalte gut verständlich zu erklären. Das Buch besticht mit seiner Strukturierung, welches ein späteres Nachschlagen sehr erleichtert.

Die Hauptzielsetzungen und -inhalte des Buches sind

  1. der Erkennung (Diagnostik), die sich deutlich erweitert hat
    – durch die Möglichkeiten der Aufnahmen der Augenbewegungen und Hörüberprüfung
    – im Akutfall mit einem Handy oder Smartphone
    – der verbesserten Gleichgewichtsdiagnostik
    – und die Sichtbarmachung des Endolymphstaus im MRT
  2. der Aufklärung und Beratung
  3. der Möglichkeit der effektiven Dämpfung des akuten Anfalls
  4. der medizinischen Begleitung (Therapie) zwischen den Anfällen, u. a. mit dem Versuch, Kortison ins Mittelohr zu geben
  5. der Bereitstellung von technischen Kompensationshilfen beim Hörverlust von Hörhilfen bis zum Cochlear-Implant
  6. und der endgültigen Ausschaltung des Gleichgewichtsorgans als letzte „definitive“ Option.

Die Darstellung der Differenzialdiagnosen ist für Kliniker eine grosse Hilfe bei unklaren Schwindelformen. Die verschiedenen therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten werden auf der Basis wissenschaftlicher Evidenz, aber auch seiner jahrzehntelangen eigenen Erfahrungen ausführlich dargestellt und kritisch eingeordnet. Dies ermöglicht eine auf die individuelle Problematik der Patienten abgestimmte Empfehlung. Sehr hilfreich sind dabei die kritischen Hinweise auf nicht wirksame Massnahmen, die viel Enttäuschungen vermeiden. Beispielsweise ist belegt, dass Betahistin sowohl tief als auch hochdosiert nicht wirksam ist.

Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen und Ausbildung merkt der/die LeserIn sofort, dass es um den ganzen Menschen geht, seinen Umgang mit der Erkrankung und der Erhaltung und Verbesserung der eigenen Stabilität und des Grundvertrauens.

Für spezialisierte Physiotherapeuten in der Schwindeltherapie ist dieses Buch ein Muss in der Betreuung von Patienten mit Morbus Menière. Es vertieft das allgemeine Wissen und stellt eine Leitlinie für die Betreuung von Betroffenen dar.

von Stefan Schädler